Als Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 flohen Anleger aus dem Aktienmarkt. Nur wenige etablierte "Blue Chips" konnten sich weiterhin bei den Aktionären durchsetzen: Marktführer wie Imperial Chemical Industries in Grossbritannien, Deutsche Bank in Europa oder General Electric Corporation in den USA.

Es dürfte kaum verwundern, dass die meisten Privatanleger bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 vorwiegend in Anleihen, insbesondere Staatsanleihen, investierten. Diese boten gleich mehrere wichtige Vorteile: Kapitalerhalt, Ertragsgenerierung, Möglichkeit zum Ausgleich der Aktien im Portfolio und das Potenzial zur Absicherung gegen die Inflation. Durch diese Vorteile boten die Anleihen den Anlegern festverzinsliche Vermögenswerte, was im Kontext des damaligen Marktzyklus äusserst attraktiv war.

Anleihen sind bis heute ein fester Bestandteil vieler Anlageportfolios. Es gibt jedoch eine Reihe weit verbreiteter Mythen über Anleihen, die sich trotz aller Unwahrheiten hartnäckig halten, unter Anlegern für Verunsicherung sorgen und mitunter zu schlechten Entscheidungen führen.

In diesem Artikel möchten wir auf einige der häufigsten Mythen über Anleihen zu sprechen kommen und aufzeigen, dass nichts an ihnen dran ist.

Mythos 1: Anleihen sind langweilig

Mitte der 1960er Jahre schlug das Pendel um und der sogenannte "Aktienkult" kam auf, angeführt von einigen der damals grössten Pensionsfonds in den USA und Grossbritannien. Die Fondsmanager erkannten schnell, dass Aktien die direktesten und lukrativsten Investments waren, um am aufkeimenden Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit teilzuhaben. Die Anhänger des "Kults" sollten recht behalten, kam es doch von dieser Zeit an zum längsten und stärksten Wirtschaftsboom der Geschichte.

Langfristiges Wachstum von USD 1: Aktien im Vergleich zu Anleihen während einer Inflation
Quelle: Darrow Wealth Management

In einem solchen Marktumfeld galten Anleihen unter vielen Investoren als "langweilig." Viele waren der Ansicht, dass sie lediglich für Rentner und jene Anleger geeignet waren, die sich ein stetiges Einkommen statt Kapitalwachstum wünschten. Die steigende Inflation in den 1960er-Jahren überraschte aber auch den Anleihenmarkt und führte zu grossen Verlusten.

Wer jedoch Anleihen gemieden hat, hatte am Ende das Nachsehen. Als die aufeinanderfolgenden Krisen (der Börsencrash von 1929, das Platzen der "Dotcom"-Blase im Jahr 2000 und die globale Finanzkrise von 2007 bis 2008) die Finanzmärkte heimsuchte, brachen die Zinssätze ein, während die Anleihen boomten.

Die Beliebtheit von Aktien im Vergleich zu Anleihen
Quelle: Longtermtrends

Die obige Abbildung zeigt das Verhältnis des S&P 500 geteilt durch den Total Return Bond Index. Wenn dieses Verhältnis steigt, sind Aktien bessere Investments als Anleihen. Sinkt das Verhältnis jedoch, sind Anleihen den Aktien vorzuziehen. Wie dieser Grafik zu entnehmen ist, suchten Anleger in Zeiten einer Finanzkrise tendenziell einen sicheren Hafen in Anleihen, was deren Beliebtheit über viele Jahre hinweg steigerte.

Anleihen sind nicht langweilig – ganz im Gegenteil!

Mythos 2: Anleihen sind nicht so vielseitig wie Aktien

Aus irgendwelchen Gründen hält sich der Irrglaube, dass die Anleihemärkte nicht die gleiche Auswahl bieten wie ihre Pendants auf dem Aktienmarkt. Lassen Sie uns diesen Mythos ein für alle Mal aus der Welt schaffen.

Weltweite Ausgaben festverzinslicher Wertpapiere und Aktien
Quelle: sifma

Die Grafik zeigt, dass sich die Neuemissionen an den weltweiten Anleihe- oder Rentenmärkten im Jahr 2021 auf USD 26,8 Billionen belaufen haben, nahezu das 27-fache von Aktien. Darüber hinaus betrug der Gesamtmarktwert oder die Kapitalisierung von Anleihen USD 126,9 Billionen, während Aktien im Jahr 2021 USD 124,4 Billionen wert waren.

Das hohe Volumen an Neuemissionen von Anleihen spiegelt die Tatsache wider, dass sie typischerweise eine begrenzte Laufzeit haben. Werden Anleihen fällig, geben Regierungen und Unternehmen in der Regel neue Anleihen aus, um ihren neuen Finanzierungsbedarf zu decken.

Bezüglich der Auswahl stammen 68% aller Anleihen von Unternehmen, die ein breites Spektrum an Sektoren und Branchen abdecken. Im Gegensatz zu Aktien können die handelbaren Anleihen jedoch auch von Regierungen oder von staatlich unterstützten Stellen und "supranationalen" Kreditnehmern wie der Weltbank und der Europäischen Investitionsbank ausgegeben werden.

Mythos 3: Anleihen sind absolut sicher

Zwar sind Anleihen im Vergleich zu anderen Anlageklassen wie Aktien oder Immobilien relativ risikolos, das bedeutet jedoch nicht, dass sie absolut sicher sind. Wie bei jeder Anlageklasse bestehen auch bei Anleihen inhärente Risiken. Beispielsweise können Emittenten von Anleihen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, was dazu führen könnte, dass Anleger ihr Kapital nicht zurückerhalten.

Das relative Risiko einer bestimmten Anleihe kann anhand ihres Anleihe-Ratings beurteilt werden. Dieses wird das durch Buchstaben ausgedrückt und von den drei besten Ratingagenturen gemessen.

Ratingskalen für Unternehmensanleihen von Moody's, S&P und Fitch
Quelle: Wolf Street

Für Moody's, Standard & Poor's und Fitch bedeutet ein Triple-A-Rating, dass der Emittent mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Verpflichtungen erfüllen und nicht zahlungsunfähig wird. Eine Anleihe mit einem C-Rating hat das Risiko, dass der Emittent anfällig für einen möglichen Zahlungsausfall ist, was die Investition in diese Anleihe riskanter macht.

Das Risikoniveau an den Anleihemärkten ist im Laufe der Zeit gestiegen, da die Emittenten die niedrigen Zinsen genutzt haben, um längerfristig Kredite aufzunehmen. Eine längere Dauer stellt ein grösseres Risiko für Käufer dar, weil die durchschnittliche Zeit bis zur Rückzahlung (die Anzahl der Jahre, bevor einem Anleger der Wert der Anleihe zurückgezahlt werden kann) von weniger als fünf Jahren im Jahr 2015 auf über sechs Jahre im September 2022 gestiegen ist. Investoren in Anleihen sehen sich einer grösseren Wahrscheinlichkeit von Zinsänderungen im Laufe der Zeit ausgesetzt.

Dauer des Bloomberg US Aggregate Bond Index
Quelle: Hartford Funds

Abgesehen von der längeren Haltedauer von Anleihen sollte auch das Inflationsrisiko bedacht werden. Trotz der aktuell deutlich höheren Inflation als noch vor einem Jahr bleiben die Anleiherenditen weit hinter den wieder gestiegenen Preisen zurück. Dies gilt insbesondere für Staatsanleihen.

USA Deutschland Schweiz
Rendite 10-jähriger Staatsanleihen* 4,04% 2,15% 1,14%
Jährliche Inflationsrate** 8,2% 10% 3,3%

Vergleich der Rendite 10-jähriger Staatsanleihen in den USA,
Deutschland und der Schweiz im Vergleich zur Inflationsrate

Quelle: Bloomberg, tradingeconomics.com

* Die Daten wurden am 26. Oktober 2022 erhoben.
** Die Daten wurden im September 2022 erhoben.

Anleihen können auch in Zeiten steigender Zinsen Diversifikationsvorteile bieten, da sie in der Regel eine geringere Korrelation mit Aktien aufweisen. Das verbessert ihre Fähigkeit zur Risikominderung als Teil eines Anlageportfolios.

Die Morningstar-Analyse hat frühere Perioden mit hoher Inflation und hohen Zinsen betrachtet. Dabei wurde festgestellt, dass die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen selten über 0,6 gestiegen ist (und wenn, dann nur während der akuten Phasen steigender Zinsen und/oder hoher Inflation). Anleihen spielen also auch in Zeiten schwächerer Renditen immer noch eine wichtige Rolle bei der Reduzierung des Portfoliorisikos.

Mythos 4: Die Preise aller Anleihen ändern sich gleichzeitig

Eine weit verbreitete Meinung ist, dass die Kurse von Anleihen nur von der Richtung und dem Ausmass der Zinsbewegungen bestimmt werden. Oft wird dabei behauptet, dass sich der gesamte Markt tendenziell gleichzeitig in die gleiche Richtung der Zinsen bewegt.

Zwar ist der Einfluss der Zentralbankzinsen unbestreitbar (insbesondere bezüglich der Staatsanleihen), allerdings zeigt die folgende Abbildung, dass dieser Effekt über den breiteren Markt hinweg erheblich variiert. Die meisten Anleiheemissionen stammen von Unternehmen, die einem viel breiteren Spektrum von Faktoren unterliegen (z. B. Verkäufen, Rohstoffpreisen, Geopolitik oder Managementqualität). Diese unterschiedlichen Faktoren sind mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als die Geldpolitik und die Richtung der Zinsanpassungen.

Historische Renditen von Unternehmensanleihen – 10 Jahre Laufzeit
Quelle: S&P Global Ratings

Mythos 5: Hochzinsanleihen sind wertlos

Michael Milken war ein amerikanischer Investmentbanker. Sein Erfolg bei der Entwicklung des Marktes für Hochzinsanleihen Ende der 1980er Jahre brachte ihm den inoffiziellen Titel "Junk Bond King" ein. Später wurde er wegen Insiderhandels inhaftiert, was dazu beitrug, dass Hochzinsanleihen umso mehr mit "Ramsch" in Verbindung gebracht wurden.

Nur allzu oft ist die öffentliche Meinung schlecht informiert und setzt die Misserfolge einiger weniger mit dem gesamten High-Yield-Sektor gleich. Junk-Bonds sind lediglich Anleihen, die ein höheres Ausfallrisiko aufweisen als die Mehrheit der von Unternehmen und Regierungen ausgegebenen Anleihen.

Blicken wir noch einmal kurz auf den Mythos 3: Ratingagenturen wie Moody's, Standard & Poor's und Fitch veröffentlichen Codebezeichnungen (z. B. AAA, B, CC), um das Risiko einer Anleihe zu bewerten. Sämtliche Ratings von BB+ und darunter gelten nicht als "Investment Grade." Zu den Anleihen in dieser Kategorie gehören solche, die von bekannten Namen wie Netflix (einem erfolgreichen Emittenten), Citigroup und Bausch Health, der kanadischen Muttergesellschaft von Bausch & Lomb, ausgegeben werden.

Die Anleihen dieser Markenführer gelten nicht als "Investment Grade", da die Ratings die tendenziell sehr konservative Anforderungen von Banken, Rentenkassen, Versicherungen und anderen streng regulierten Kreditinstituten widerspiegeln haben.

Anleger sollten dies beim Investieren in Anleihen im Hinterkopf behalten. Für Privatanleger lohnt es sich oft, bei der Wahl der Anleihe ein wenig mehr Risikobereitschaft zu zeigen. Im Gegensatz zu Kreditinstituten investieren Privatanleger ihr eigenes Geld und nicht das Geld anderer. Sie können folglich Entscheidungen innerhalb ihrer eigenen persönlichen Risikotoleranz treffen. Viele Privatanleger sind sich bewusst, dass ein wenig Risiko zu besseren Renditen führen kann.

Mythos 6: Anleihen sind nicht umweltverträglich

Manche glauben, dass Besitzer von Anleihen die Handlungen und Grundsätze der emittierenden Unternehmen in Bezug auf Umweltbelange nicht beeinflussen können, da die Investoren im Gegensatz zu den Aktionären Kreditgeber und nicht Eigentümer sind.

Die Weltbank ist anderer Ansicht. Im Jahr 2007 wollte eine Gruppe schwedischer Pensionskassen grüne Projekte finden, in die sie investieren könnten. Diese Fonds baten die Weltbank um Hilfe und emittierten ein Jahr später die weltweit erste grüne Anleihe. Diese wurde zum weltweiten Vorbild für ähnliche Anleihen anderer Emittenten.

Das kumulierte Wachstum des GSS+-Anleihevolumens
Quelle: Climate Bonds Initiative

Die Emission von GSS+-Anleihen ("Green, Social, Sustainability oder grüne, soziale, nachhaltige, nachhaltigkeitsbezogene und transformative Anleihen") macht zwar immer noch nur einen winzigen Bruchteil des Gesamtvolumens des Anleihemarkts aus, wächst aber jährlich um etwa eine Milliarde USD. Bisher waren Regierungen, Versorgungsunternehmen und der Finanzsektor die wichtigsten Emittenten, aber mittlerweile entfallen fast die Hälfte aller Emissionen auf Industrie-, Rohstoff- und Konsumgüterkonzerne, die versuchen, ihre Netto-Null-Verpflichtungen zu finanzieren.

Ein stabileres Schiff für einen zuverlässigeren Kurs

Wir haben in diesem Artikel die sechs häufigsten Mythen zu Anleihen im Detail betrachtet. Hoffentlich konnten wir Sie davon überzeugen, dass Anleihen (insbesondere solche, die von Unternehmen ausgegeben werden) durchaus einen wichtigen Teil Ihres Anlageportfolios und ihrer Rendite ausmachen können.

In diesem Zusammenhang möchten wir einmal mehr auf Mythos 3 verweisen und auf die Notwendigkeit, durch Diversifikation ein ausgewogenes Anlageportfolio zu schaffen. Steht ein Anleger in der Blüte seines Berufslebens und hat den Vorteil der Zeit auf seiner Seite, haben Aktien aufgrund ihrer überlegenen langfristigen Performance typischerweise den grössten Anteil in seinem Portfolio.

Wie die verschiedenen Krisen und Boom-Phasen der letzten 25 Jahre gezeigt haben, kann dieser langfristige Performance-Vorteil zu bestimmten Zeiten stark variieren. Diese Unterbrechungen in einem langfristigen Aufwärtstrend können zu den ungünstigsten Zeiten im Leben eines Anlegers auftreten, z. B. wenn er Geld für eine Hochzeit braucht, die Studiengebühren eines Kindes bezahlen muss oder für einen komfortablen Ruhestand spart.

In einem solchen Marktumfeld täten Anleger gut daran, die Vorteile von Anleihen zu nutzen. Das Investieren in Anleihen mit überdurchschnittlichen Renditen und einer Laufzeit, die dem wahrscheinlichen Zeitpunkt dieser Krisen entspricht, kann helfen, jene Krisen besser zu überstehen. Fällt einer dieser Zeitpunkte mit einem Marktabschwung zusammen, besteht keine Notwendigkeit, sich um einen angemessenen Preis für schwächelnde Aktien zu bemühen. Stattdessen profitiert der Anleger, wie von Anleiheemittenten versprochen, von den Erlösen aus den Anleihen und ist von den Marktbedingungen unabhängig.

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