Mittlerweile dürfte jeder verstanden haben, dass die künstliche Intelligenz (KI) die Welt, wie wir sie kennen, verändern wird. Doch wie genau unsere Welt in der Zukunft dank der KI aussehen wird, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss. In der aktuellen Global Real Estate Technology Survey von JLL wurden maschinelles Lernen und generative KI von den Befragten als die zweit- und drittwichtigsten Technologien für die Zukunft der Immobilienbranche identifiziert. Interessanterweise hatten die Befragten hinsichtlich dieser Technologien jedoch kaum fundiertes Wissen.

Technologie nach erwarteter Auswirkung auf die Immobilienbranche und Wissensstand geordnet
Quelle: JLL

In diesem Artikel beleuchten wir, wie KI, insbesondere die generative KI, den Immobilienmarkt verändern wird. Schon jetzt gehen wir davon aus, dass der Wert der generativen KI im Immobilienmarkt bis zum Jahr 2032 voraussichtlich von USD 351,9 Millionen auf USD 1,47 Milliarden wachsen wird.

„Generative KI stellt für die Immobilienbranche eine neue Chance dar, aus ihrer Vergangenheit zu lernen und sich in eine Branche zu verwandeln, die auf dem neuesten Stand der Technik ist.“ – McKinsey & Company

Wert der generativen KI im Immobilienmarkt von 2022 bis 2032 (in USD Millionen)
Quelle: Precedence Research

1. Echtzeitbewertung und Zukunftsanalyse

Angesichts des erheblichen Kapitals ist jede Entscheidung über den Kauf oder Verkauf einer Immobilie von immenser Bedeutung. Abhängig von der Investition oder dem Zeitpunkt des Verkaufs können beachtliche Profite oder Verluste erzielt werden. Leider können Preisdaten jedoch Wochen, wenn nicht Monate alt sein – und das in den beliebtesten und aktivsten Märkten. In kleineren Märkten ist es oft buchstäblich unmöglich, die nötigen Informationen für eine zeitnahe Entscheidungsfindung zu erhalten.

Als Lösung kommt die KI ins Spiel. Die künstliche Intelligenz analysiert Daten aus einer Million verschiedener Quellen und verleiht den Zahlen einen Sinn. Sie verarbeitet mühelos Datenpunkte, die selbst erfahrene Analysten nur schwer zusammenstellen und interpretieren können. Dazu gehören verschiedene Informationen wie Satellitenbilder zur Verfolgung des Fussgängerverkehrs, Wettermuster, Volkszählungen, Instagram-Visuals, Kennzahlen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Amazon-Verkaufszahlen und Daten der lokalen Behörden.

Im Gegensatz zu uns Menschen kann die KI diese Dinge im Handumdrehen erledigen. Sobald neue Daten verfügbar sind, erfolgt schnell eine neue Analyse, sodass lange Wartezeiten entfallen.

Die KI lernt im Laufe der Zeit kontinuierlich dazu und verfeinert ihr Modell ständig. Mit ausreichend Daten und Zeit können selbst die komplexesten Immobilienmärkte entschlüsselt werden. Einige KI-Immobilienbewertungs-Modelle verzeichnen mittlerweile eine erstaunliche Genauigkeit von 98% bei ihren Schätzungen der Verkaufspreise. Dies deutet darauf hin, dass sie in der Lage sind, zukünftige Bewertungen mit relativ hoher Präzision vorherzusagen.

Dies erleichtert die Arbeit eines Investors erheblich. Die KI ermöglicht es Anlegern, tiefere Einblicke in ihre aktuellen Positionen zu gewinnen, Chancen und potenzielle Risiken zu erkennen und Strategien für die Zukunft zu entwickeln.

2. Individuelle Einblicke

KI-Modelle sind nicht nur in der Lage, anhand von Webdaten dazuzulernen, sondern verfügen auch über die Fähigkeit, sich anzupassen und die Präferenzen eines Anlegers zu erlernen. Dadurch kann die KI auf Investoren zugeschnittene Daten und Erkenntnisse liefern – ähnlich wie KI-Algorithmen, die Ihnen basierend auf Ihrem bisherigen Verhalten ein Produkt, einen Song oder ein YouTube-Video empfehlen.

Dieser personalisierte Ansatz fügt zur bekannten Makro- und Mikroanalyse eine zusätzliche Analyseebene hinzu. Stellen Sie sich einen Investor vor, der basierend auf den wirtschaftlichen Fundamentaldaten und dem Bevölkerungswachstum zunächst ein Land auswählt und dann die Auswahl auf eine bestimmte Stadt oder ein bestimmtes Stadtviertel eingegrenzt. Anschliessend kann die KI einspringen und Strategien oder bisher getätigte Investitionen in dieser Gegend basierend auf den bisherigen Erfahrungen und Erfolgen des Investors bewerten.

Sie haben also quasi einen persönlichen Assistenten zur Hand, der viele Jahre lang mit Ihnen und Tausenden anderen Investoren weltweit zusammengearbeitet hat. Aber in diesem Fall kennt er jedes einzelne Detail und lässt keinen Raum für menschliche Fehler.

Einige Unternehmen haben herausgefunden, dass KI-gesteuerte Empfehlungen die Nettorendite jährlich um bis zu 3% steigern können. Im Laufe der Zeit kann sich diese scheinbar geringfügige Verbesserung erheblich erhöhen und zu beachtlichen Gewinnen führen.

3. Digitale Zwillinge

Die KI kann abgesehen von Daten auch digitale Zwillinge zur Analyse verwenden. Dabei handelt es sich um virtuelle Modelle von Gebäuden, Stadtteilen, Städten oder sogar ganzen Ländern, die mit realen Daten interagieren. Die KI kann so Immobilienmärkte und mögliche Chancen noch besser erforschen. Dieses Konzept geht weit über Generationen computergestützter Simulationen hinaus und erstellt nie dagewesene detaillierte und interaktive Modelle.

Wussten Sie, dass es bereits einen digitalen Zwilling von Zürich gibt? Und dass die ETH Zürich derzeit einen Open-Source digitalen Zwilling der gesamten Schweiz erstellt?

Der Vorteil digitaler Zwillinge besteht darin, dass sie für Simulationsanalysen verwendet werden können. Menschen und die KI können mithilfe digitaler Zwillinge unzählige Simulationen durchführen und verstehen, wie sie auf verschiedene Szenarien und Inputs reagieren werden. Dadurch werden Daten bereitgestellt, welche die Genauigkeit und Vorhersagekraft von reinen KI-Modellen noch verbessern. Jene aufbereiteten Daten sind noch präziser als die bereits verfügbaren Informationen, die nicht zwangsläufig die zukünftige Performance garantieren.

Angenommen, Sie möchten die Auswirkungen einer Zunahme der Häufigkeit von Überschwemmungen in der Berner Altstadt auf die Immobilienpreise und den Unterhalt in Erfahrung bringen. Die KI könnte anhand der begrenzten historischen Daten einen digitalen Zwilling von Bern nutzen, um Einblicke in eine Vielzahl von Szenarien zu liefern.

Es ist nur allzu offensichtlich, dass das Potenzial digitaler Zwillinge enorm ist. Laut dem Bericht „Global Digital Twin Market“ von Research and Markets wird der globale Markt für digitale Zwillinge bis 2028 voraussichtlich USD 110,1 Milliarden erreichen und im Prognosezeitraum jährlich um 61,3% wachsen.

Marktprognose für digitale Zwillinge für 2023–2028 (in USD Milliarden)
Quelle: Research and Markets

4. Automatisierte Immobilienverwaltung

Immobilieninvestoren, die nach wie vor auf das traditionelle „Buy-to-let“-Modell setzen, verbringen einen Grossteil ihrer Zeit, sich mit Mietern, Immobilienmaklern, Mitarbeitern, Handwerkern und Versorgungsunternehmen auseinanderzusetzen. Leider haben sie noch nicht bemerkt, dass KI-Chatbots wie ChatGPT einen grossen Teil der textbasierten Interaktionen automatisieren und in fast 70% der Fälle vollständige Gespräche mit Benutzern kompetent abwickeln können.

Die KI kann Immobilienangebote nachverfolgen und eine optimale Marketingstrategie entwickeln. Darüber hinaus kann sie Anträge sortieren, schnell die besten Mieter identifizieren und diese sogar um weitere Informationen bitten. Nach dem Einzug der Mieter kann die KI Zahlungen erfassen und alle täglichen Anfragen bearbeiten. Gleichzeitig wird der Investor auf alle grösseren oder ungewöhnlichen Probleme aufmerksam gemacht, damit er sich sofort und direkt darum kümmern kann.

Laut der Global Real Estate Technology Survey 2023 von JLL sind 91% der Mieter bereit, einen Aufpreis für technologiegestützte Mietobjekte zu zahlen. Während unseres Kurses bei Le Bijou hat unser digitaler Concierge-Service „James“, der durch Augmented Intelligence – einem Teilbereich der künstlichen Intelligenz – unterstützt wird, viel positives Feedback erhalten.

Die KI erweitert ihre Fähigkeiten noch zusätzlich, indem sie in Echtzeit Geräte das Internet der Dinge (IdD) zur Überwachung von Immobilien verwendet. Ein undichter Wasserboiler oder ein flackerndes Licht können beispielsweise automatisch eine Serviceanfrage an einen Sanitärinstallateur oder Elektriker auslösen. Ebenso kann die KI die Wasser- und Raumtemperaturen optimieren, um den Komfort der Gäste zu maximieren und gleichzeitig die Kosten zu minimieren.

5. Ein persönlicher Leitfaden für Gesetze und Vorschriften

Ein erheblicher Kostenfaktor bei Immobilieninvestitionen ist die Beauftragung von Anwälten, die sich mit nationalen und lokalen Gesetzen und Vorschriften auskennen und in der Regel ein Honorar pro Minute berechnen. Hinzu kommt das Hin und Her mit der lokalen Behörde bezüglich Plänen und Vorschriften.

Auch hier kann die KI helfen. Ob Sie es glauben oder nicht, aber die KI kann geltende Gesetze und Vorschriften lesen, zusammenfassen und sogar Fragen wie ein echter Anwalt beantworten. Dadurch können Anleger viel Zeit und Tausende von Franken sparen. Obwohl weiterhin Rechtsbeistand für Verträge und Eigentumsübertragungen erforderlich ist und Interaktionen mit örtlichen Behörden nahezu unvermeidbar sind, können Investoren die Häufigkeit und Dauer dieser Interaktionen dank der KI verkürzen.

Gibt es eine Datenhürde?

Es ist kein Geheimnis, dass die generative KI auf grosse Datenmengen angewiesen ist. Aktuell gibt es kaum Hindernisse für die Erfassung solcher Daten.

Derzeit verklagen allerdings mehrere Künstler und Schriftsteller KI-Unternehmen wegen Urheberrechtsverletzungen. Im Oktober zog eine Gruppe US-amerikanischer Autoren, darunter ein Pulitzer-Preisträger, gegen OpenAI vor Gericht.

Mehrere Jurisdiktionen (unter anderem die EU) schlagen nun strengere Regeln für KI vor, die auch Vorschriften für das Datentraining umfassen. Infolgedessen könnte es für KI-Unternehmen schwieriger oder teurer werden, ihre Modelle mit der Tiefe und Breite der aktuell verwendeten Daten zu trainieren. Unternehmen und Institutionen mit wertvollen Datensätzen werden höchstwahrscheinlich damit beginnen, Möglichkeiten zur Monetarisierung zu erkunden.

„Wir wollen eine öffentliche Liste des zum Training von KI verwendeten Materials, damit [Autoren] andere Gesetze und Wege nutzen können, um für das bezahlt zu werden, was ohne ihre Zustimmung verwendet wird.“ — Brando Benifei, Abgeordneter des Europäischen Parlaments

Dies ist in der Tat eine Hürde, jedoch kein definitives Ende. KI-Modelle schaffen einen Mehrwert und es ist nur logisch, dass ein Teil dieses Mehrwerts weitergegeben wird. Darüber hinaus nimmt die Datenmenge im Internet jedes Jahr zu. Im Jahr 2020 erreichte sie 64,2 Zettabyte und wird bald die 100-Zettabyte-Grenze überschreiten (ein Zettabyte entspricht einer Trillion Gigabytes). Wir dringen immer tiefer in das Zeitalter von Big Data vor und KI-Modelle werden Zugriff auf immer mehr Datenpools haben. Das können auch strengere Vorschriften nicht verhindern. Denn im Gegensatz zu uns Menschen kann die KI auf Daten aus einer nahezu unbegrenzten Anzahl von Quellen zugreifen.

„Zwischen dem Beginn der Zivilisation und dem Jahr 2003 wurden 5 Exabyte an Informationen erstellt. Diesen Umfang erreichen wir heute alle zwei Tage.“ — Eric Schmidt, ehemaliger CEO von Google

Fazit

Viele KI-Modelle stecken noch in den Kinderschuhen. Dennoch ist ihr Einfluss auf die Immobilienbranche schon jetzt offensichtlich. In zehn Jahren wird die Integration der KI im Immobilienmarkt unverzichtbar werden und im Vergleich zu heutigen Standards wie Magie erscheinen.

Wer mithilfe von KI in Immobilien investieren will oder sich als Immobilieninvestor dank der KI einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen möchte, hat heute die Chance dazu. Eines ist jedenfalls klar: Die Immobilienbranche kann es sich nicht länger leisten, auf die KI zu verzichten.

Investieren beginnenInvestieren Sie  Buchen Sie einen AnrufRufen Sie an.  Jetzt teilnehmenAnwenden